Von Mensch zu Mensch - 16. März 2010 |
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat ihre Hilfsmaßnahmen beschleunigt, damit die Mitglieder in Haïti vor Beginn der Regenzeit im April von den 600 dringend benötigten Sets für Notunterkünfte so viele wie möglich erhalten. Jedes Set enthält Bauholz, Wellblech und Nagelplatten fürs Dach sowie Mörtel.
Damit jede Familie auf ihr Grundstück zurückkehren kann, muss zunächst der Schutt weggeräumt werden. Dazu wurden Dienstprojekte eingeleitet. Sobald ein Grundstück freigeräumt ist, kann ein Zelt oder eine der neuen Notunterkünfte aufgestellt werden. Die Kirche setzt damit ihre Bemühungen fort, den Normalzustand wiederherzustellen und die Menschen von fremder Hilfe unabhängig zu machen.
„Es geht um einen Grundsatz der Wohlfahrt: Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärt Berthony Theodore, ein erfahrener Führer der Kirche aus Haïti.
Die Wohlfahrtsdirektoren der Kirche haben gemeinsam mit den örtlichen Führern der Kirche dafür gesorgt, dass es ein gut gefülltes Lagerhaus mit Grundnahrungsmitteln wie Bohnen, Reis und Milch gibt.
Bestellungen werden von den Verantwortlichen der einzelnen Gemeinden aufgegeben. Die Lieferung erfolgt dann an eines der neun Gemeindehäuser, in die man Menschen einquartiert hat, die durch das Erdbeben obdachlos geworden sind.
Drei Wochen nach dem Erdbeben sind immer noch hunderte Familien in den neun Gemeindehäusern um Port-au-Prince untergebracht. Die Gemeindehäuser sind für diejenigen, die dort Zuflucht gefunden haben, ein Hort der Ruhe und der Sicherheit.
Außerdem hat die Kirche für die Obdachlosen an die 1500 Zelte beschafft, von denen viele rings um die Gemeindehäuser aufgestellt wurden. „Ein Nachbar hat mir von diesem Ort erzählt und mich eingeladen, mitzukommen“, berichtet Cazy Lenlingy (16 Jahre). „Ich freue mich sehr, hier zu sein. Alle sind sehr nett und haben mich freundlich aufgenommen. Ich danke Gott.“
Anfangs fanden rund 7000 Menschen in den Gemeindehäusern Zuflucht, wobei zwei Drittel keine Mormonen waren.
Die Kirche hat mehrere Ärzteteams aus den Reihen ihrer Mitglieder kommen lassen. Sie kümmern sich um die medizinische Versorgung der vielen Menschen, die bei dem Erdbeben verletzt wurden.
„Ich konnte mich doch nicht einfach auf dem Sofa zurücklehnen und zusehen, anstatt zu helfen, wo ich konnte“, meint Dr. John Matheson aus Kennewick im US-Bundesstaat Washington mit bewegter Stimme.
Seite an Seite mit Dr. Gislaine St. Louis, einer Kinderärztin aus Haïti, die der Kirche angehört, arbeiten ehrenamtlich etliche Ärzte aus den Vereinigten Staaten.
„Nach dem Erdbeben schloss ich meine Privatklinik und widmete meine Zeit den Kindern hier in der Umgebung“, erklärt Dr. St. Louis. „Mir liegen die Kinder am Herzen, und ich möchte, dass es ihnen besser geht.“
Als Dr. St. Louis und die anderen Ärzte die Gemeindehäuser aufsuchten, verbreitete sich diese Nachricht schnell unter den Leuten. Ein Patient nach dem anderen tauchte auf. Die Ärzte kümmerten sich darum, dass die unmittelbar nach dem Beben behandelten Wunden gut verheilten und sich nicht entzündeten.
„Am tiefsten hat mich berührt, wie die Leute in den Gemeindehäusern zusammengekommen sind und wie schnell die Kirche auf die Katastrophe reagiert und etwas auf die Beine gestellt hat“, meint Dr. St. Louis.
Selbst mitten im Chaos gibt es oft noch Hoffnung. Drei Ärzte berichten, dass sie gleich an ihrem ersten Tag in Haïti einen Notfall zu behandeln hatten.
„Ich sah, wie eine Frau schwer atmete und presste. Ihre Geburtswehen hatten eingesetzt“, erklärt Dr. Rodney Anderson aus Vernal in Utah. Damit kennt sich Dr. Anderson sehr gut aus: In seiner Berufslaufbahn hat er schon über 4000 Kinder entbunden. „Ich hatte gehofft, dass ich während meiner Zeit hier ein Kind zur Welt bringen kann, aber ich hätte nicht gedacht, dass das so schnell geschehen würde“, fügt er hinzu.
Dr. Matheson, Dr. Anderson und Dr. Craig Coley aus Houston in Texas halfen der werdenden Mutter auf eine Tischtennisplatte. Dort brachten sie einen sehr kleinen, aber gesunden Jungen zur Welt.
Die junge Mutter, Noiselia Saintdor, war, wie sie sagt, mit ihren fünf Kindern in Panik geraten, als das Erdbeben ihr Zuhause zerstörte. Sie liefen die Straße entlang und wussten nicht, wo sie sich in Sicherheit bringen konnten.
„Wir gehören zwar nicht dieser Kirche an, aber ich habe zu Gott gebetet, dass er mir sagt, wohin wir gehen sollen“, erzählt Noiselia. Sie sah, wie andere ins Gemeindehaus liefen, und folgte ihnen.
„Als wir ankamen, war ich wirklich glücklich. Ich spürte, dass wir in Sicherheit sind“, erzählt Noiselia. „Ich danke allen, die uns hier aufgenommen haben, und allen, die diese großartige Arbeit leisten.“